Oberndorf - Österreich

SandraundSven

Administrator
Teammitglied
Diesen wirklich gut geschriebene Stadtvorstellung hat uns Wolfgang Ecker zu Verfügung gestellt. Vielen lieben Dank dafür und viel Spaß beim lesen.

.

.

Oberndorf - mon amour

.

Das hätten sich Gruber und Mohr wohl nicht träumen lassen, damals, 1818, gleich nach den Napoleonkriegen, dass ihr Lied einmal das meistgesungene Lied der Welt werden würde.Mozart, der ja, der doch Lieder für die Unterhaltung der Reichen und Mächtigen geschrieben hatte, schöne Lieder durchaus, dass die schon einmal ihren Weg um die Welt antreten würden. Aber zwei so Hungerleider wie der Dorflehrer Gruber und der Hilfspfarrer Mohr,dass deren Lied noch öfter gesungen würde als Mozartlieder, das hätte sich wohl niemand träumen lassen.

 

Die Orgel war ausgefallen, Geld für die Reparatur war keines vorhanden, so haben also die beiden dahingeklimpert auf der Gitarre und einen Text dazu gefunden. Ein „Sizilianer“, so sagt heute die Musikwissenschaft zu dieser Art von Musik. Sizilianer vielleicht auch deshalb, weil das auch so arme Teufel waren wie der Gruber Franz und der Mohr Josef, damals im 18er Jahr, nach den großen Kriegen.

 

Und sie hätten sich wohl auch in ihren kühnsten Träumen nicht vorstellen können, dass sie damit Oberndorf, ein kleines, verschlafenes Nest am Salzachufer, zu einem der bedeutendsten Plätze der Christenmenschen machen würden: Jerusalem, Oberndorf, Rom, naja, über die Reihenfolge können wir noch reden…

.

.

 

Oberndorf, heute eine kleine Stadt an der Salzach, gegenüber, auf der bayrischen Seite, Laufen. Verbunden sind die zwei Städte durch eine wunderschöne Brücke, die Salzachbrücke, errichtet 1903, reich geschmückt, nachts beleuchtet, verbindet sie Bayern mit Österreich. Gebaut in einer Zeit, als die Welt noch in Ordnung war. Zumindest für die, die es sich leisten haben können. Für die, die es sich nicht leisten haben können, war sie auch in Ordnung, es ist denen aber auch nichts anderes übriggeblieben.

.

 

Längst vergangen ist die Zeit, als die Brücke nicht nur verbunden, sondern auch getrennt hat. Da war nämlich der Zoll. Heute, dank EU, gibt es das alles nicht mehr, nur noch die Sprache trennt die von “herent“ und die von „drent“ (hüben und drüben). Und wie die Jahre vergehen, so werden die Geschichtlein und Anekdoten mehr, werden immer und immer wieder erzählt an langen Winterabenden in Gaststuben, wird der Mut der Protagonisten immer erstaunlicher, immer gewitzter, immer skurriler die Abenteuer mit der die gestrengen Zöllner überlistet wurden.

.

 

So wie der alte Oberndorfer, der immer mit demFahrrad hinübergefahren ist und das hat der schon ein paar Jahre so gemacht und alles war gut. Bis, ja, bis einmal ein neuer Zöllner gekommen ist, ein junger, ihr wisst schon, einer von den quicken, von den nassforschen Typen,und wie ihn der gefragt hat wie es das gibt, dass er immer mit einem Fahrrad hinüberfährt, aber zu Fuß zurückkommt.

.

 

Er ist dann nicht mehr gefahren, der alte Oberndorfer. Aber es war trotzdem gut, weil die Grenze hat es nicht mehr lange gegeben. Heute taugt die Grenze nur noch für Anekdoten, ob wahr oder erfunden, einerlei, lustig sind sie allemal, vor allem bei einem Glas Wein. Oder zwei.

.

.

 

Wälder, Seen, Moore, Berge, im Hintergrund die schier endlose Kette der Hochalpen, wo sich Dreitausender an Dreitausender reiht, er muss gut gelaunt gewesen sein, der das alles einmal erschaffen hat, das was da so rund um Oberndorf ist.

.

 

Salzburg, nicht weit von Oberndorf, spielt natürlich in einer anderen Liga. Die mächtige Festung, die Altstadt, Mozarts Geburtshaus, Heerscharen von Touristen aus aller Herren Ländern. Gleich daneben der mächtige Untersberg, der unsere holländischen Freunde regelmäßig aus den Socken haut, wenn sie ihn zum ersten Mal sehen. Kein Wunder, dass es sie aus den Socken haut, schläft doch Karl der Große darin. Und da muss man leise sein, damit man die Dohlen nicht vertreibt, die um seine nebelverhangenen Gipfel kreisen. Weil wenn die einmal nicht mehr kreisen, dann wacht er auf, der alte Kaiser. Schlaf weiter, Karl, altes Haus, es ist alles gut. „Passt schon“, tät’ der Salzburger sagen, Superlative sind nicht so seine Sache, Prahlen und Plärren mögen andere, ein „passt schon“ genügt.

.

.

 

Aber einmal kann es mithalten mit dem berühmten Salzburg, das kleine Oberndorf an der Salzach. Am 24. Dezember. Um 17:00. Wenn die Feier ist. Dann reiht sich Autobus an Autobus auf den Parkplätzen, auch hierher kommen dann Touristen aus der ganzen Welt: Chinesen, Japaner, Inder, Russen, Amerikaner, Australier, Europäer und auch: Oberndorfer.

.

 

1818 ist „Stille Nacht, heilige Nacht“ zu ersten Mal gesungen worden in der alten Nikolaikirche, von der heute nur noch ein paar alte Steine zeugen, gleich neben der Kapelle, die heute an den Platz erinnert, wo damals die Uraufführung war. Gruber und Mohr, zwei Männerstimmen und eine Gitarre, nichts Gekünsteltes, nichts Prahlerisches, nichts Plärrendes.

.

.

 

Man glaubt es kaum, es wär’ sogar später fast wieder in Vergessenheit geraten, aber Hirten haben’s kundgemacht.
 
Zurück
Oben