Hilfe, ich bin Opfer eines Raupüberfalls

  • Ersteller Ersteller -Der Bolf-
  • Erstellt am Erstellt am
D

-Der Bolf-

Guest
Manche bestraft der liebe Gott ja sofort, andere erst später. Ich war später dran. Ja, ich weiß, man soll nicht klauen. Aber die Gelegenheit war einfach günstig. Irgendein Zeitgenosse hatte auf dem Friedhof den Buchsbaum vom Familiengrab in die Abfallgrube geworfen, um ihn zu entsorgen. Als der Mann weg war, habe ich ihn mir geholt, den Buchsbaum. Die Pflanzen waren noch klein, aber völlig in Ordnung. Ich hatte kein Unrechtsbewusstsein, als ich den Buchsbaum mit nach Hause nahm und ihn in meinem Vorgarten wieder einpflanzte. Aber wie schon geschrieben, sieht der liebe Gott alles und vergisst nichts. Der Buchsbaum ist gewachsen und war 12 Jahre lang mein ganzer Stolz.

Und dann geschah es auf einmal. Der Buchsbaumzünsler suchte mich heim. Im letzten Jahr konnte ich mich noch wacker gegen diesen Eindringling verteidigen, der Chemie von Bayer sei Dank. Aber jetzt musste ich kapitulieren. Die Raupen kamen still und leise, wie das Raupen nun mal tun. Ich bemerkte den Raupüberfall, als der erste Buchsbaumstrauch plötzlich silbrig-braun wurde und sich anscheinend weigerte, neu auszutreiben wie die Buchsbäume daneben.

100_0716.jpg


Sofort habe ich mir wieder einen Chemiecocktail gemixt. Bisher war das Mittel "Lizetan" von Bayer eigentlich sehr wirkungsvoll. Es enthielt den Wirkstoff "Bacillus thuringiensis", der die Raupe zwar nicht tötete, ihr aber sofort die Freßlust nahm. Das Rauptier verhungerte also mitten im Schlaraffenland. Den Bienen gegenüber sollte sich das Mittelchen allerdings neutral verhalten, d.h. die hatten nichts zu befürchten.

Jetzt, zu Ostern, wurde die Buchsbaumhecke von meiner Frau inspiziert. Frauen haben schärfere Augen als Männer, wenn es um kleines Getier geht. Man kennt das ja von Spinnen und Mäusen her, wie Frauen anfangen zu kreischen, wenn sie sowas nur erahnen. Der Leser ahnt es und seine Ahnung trügt ihn nicht. Meine Frau entdeckte jede Menge Raupen im Buchsbaum, kleine und dicke fette, wie sie sich ausdrückte. Für mich als Konsequenz wäre jetzt wieder Zeit zum Handeln gewesen und die Spritze mit "Lizetan" wieder fertig zu machen. Aber das wollte meine Frau nicht. Sie war gegenüber Ungeziefer unerbittlich und forderte die Vernichtung derselben mitsamt dem Buchsbaum. Sie fand das ekelhaft, was da vor ihrer Terrasse kreuchte und fleuchte. Für mich war klar, dass es da auf keinen Fall einen Widerspruch gab. Der Buchsbaum musste raus, auch wenn mein Sportsgeist lieber den Kampf gegen den Zünsler weitergeführt hätte.

Nach Ostern begann ich, den Buchsbaum und die Raupen des Zünslers mit Stumpf und Stil zu vernichten. Ich werden ihn größtenteils wieder zum Wertstoffhof der Müllabfuhr bringen und einen Teil in der eigenen Biotonne entsorgen.
Wie man sieht, ist die Karre schon voll. Aber noch nicht voll genug.

100_0714.jpg


Es sind ja viele Buchsbaum pflanzen, die es zu entsorgen gibt. Die Wurzeln werde ich hinterher ausgraben. Erstmal ist nur das Grünzeug wichtig, welches ja die Nahrungsquelle der Raupen darstellt. Und während ich so vor mich hin arbeitete, fiel plötzlich etwas kleines auf meinen Kopf. Im ersten Moment dachte ich, die Raupen wehren sich jetzt. Aber dann fiel mir ein, dass Raupen Vegetarier sind und keine Menschen angreifen. Außerdem bin ich ungleich stärker wie sie. Dieses Etwas, was auf meinen Kopf gefallen ist, blieb nicht alleine. Es stellte sich als Hagel heraus. Nicht viel, aber es reichte, um die Arbeit kurzfristig zu unterbrechen.

100_0717.jpg


Wahnsinn, was alles auf so einen Fahrradanhänger passt. Die Kiste, die jetzt als Stütze dient, kommt auch noch oben drauf, voll mit Buchsbaum. Ich muss das alles hinterher nur vernünftig gurten, damit während der Fahrt nichts runterfällt. Ansonsten ist das gesetzlich völlig in Ordnung. Ich habe nachgeschaut. Fahrrad und Anhänger dürfen zusammen eine Länge von 18,75 nicht überschreiten. Der Anhänger darf nicht höher wie 4 m sein und das ganze Gespann nicht schwerer wie 40 Tonnen. Ich kann also beruhigt fahren, weil ich weit unter diesen Grenzwerten liege. Um ehrlich zu sein, verträgt die Achse des Anhängers nicht mehr wie 140 kg. Jedes Kilo mehr würde die Gefahr steigern, dass es eiert.

100_0715.jpg


Nun ist nur noch ein Gerippe vom vormals stolzen Buchsbaum geblieben. Mehr als ein Jahrzehnt hat er uns Freude gemacht, bis so ein blöder Zünsler aus Asien hierher eingeschleppt wurde. Ok, der  Buchsbaum war geklaut, vielleicht war das die Rache dafür. Wobei geklaut vielleicht nicht die richtige Bezeichnung ist. Billig besorgt könnte man das nennen. 
Auf den Stümpfen des Buchsbaumes habe ich tatsächlich noch ein paar kleine Raupen entdeckt, die auf der Flucht waren. Wobei die Geschwindigkeit der flüchtenden Raupen nun nicht besonders war. Nein, ich hatte kein Mitleid. Ich war ein eiskalter Killer und überließ die Raupen dem sicheren Tod.

100_0811.jpg


Wenn ich morgen die Stümpfe des Buchsbaumes auch noch entfernt habe, müssen meine Frau und ich uns Gedanken machen, was stattdessen hinkommen soll. Auf keinen Fall wird es Kirschlorbeer sein. Ich habe Berichte gelesen, wo der Zünsler mangels Buchsbaum dazu übergegangen ist, sich an Kirschlorbeer zu vergreifen. Also wird es wohl eine Thuja sein. Welche Sorte, das werden wir sehen.
 
Zurück
Oben